Rezension
Forum Classicum, 2010, 2
Die Autoren des »Wörterbuchs Latein für Philosophie und Theologie« waren bzw. sind beide als Professoren an der Theologischen Hochschule Reutlingen tätig, der eine für Systematische Theologie (bis 2005), der andere für Philosophie und Alte Sprachen. Das Buch versucht ein Desiderat zu füllen, da ein ähnliches Opus bisher nicht existiert. An das Vorwort schließen sich Hinweise, Abkürzungen und das Wörterverzeichnis an (12÷198), danach folgt der Anhang. Schaut man in das Inhaltsverzeichnis (10÷11), hat man den Eindruck, dass dieser Anhang den größten Raum einnimmt; dies ist natürlich nicht so; dazu später mehr.
Ziel des Wörterbuches ist es, den Interessierten den Zugang zu wichtigen Texten der Geisteswissenschaften zu eröffnen. Die Autoren bieten im Vorwort (5÷6) Hinweise auf Wörterbücher, die sie als Grundlagen benutzt haben, etwa das »Historische Wörterbuch der Philosophie« (1971÷2007) oder auch die »Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie« (1995) sowie die Wörterbücher der philosophischen Grundbegriffe von KIRCHNER und von EISLER. Es fehlen auch nicht Hinweise auf dogmatische Standardwerke von K. BARTH, O. WEBER und W. HÄRLE, jeweils allerdings ohne genaue bibliographische Angaben. Daneben haben die Autoren die Werke von KANT und SCHOPENHAUER gesichtet, außerdem Werke der Grammatik, Logik, Rechtsphilosophie und Rhetorik. MARQUARDT und VOIGT (M. und V.) sind bereit, Anregungen und Kritik entgegenzunehmen und verweisen auf eine entsprechende E-Mail-Adresse.
Im Abschnitt »Hinweise« (7÷8) liefern M. und V. die für den Gebrauch des Wörterbuches relevanten Informationen. Sie bieten Hinweise bezüglich der Orthographie, aber auch hinsichtlich des Faktums, dass sie im Gegensatz zur gängigen Praxis die lateinischen Infinitive verwenden. Das Gleichheitszeichen ist in sprachlichen Kontexten allerdings problematisch und sollte lediglich in mathematischen Zusammenhängen gebraucht werden. Eine Hilfe ist der Hinweis auf die Betonungsregeln der lateinischen Sprache. Bei abweichenden Betonungen werden die lateinischen Lexeme mit einem Longum versehen (etwa: libido), in wenigen Fällen verwenden die Autoren einen Akzent (impMcite).
Das eigentliche Wörterbuch beginnt mit a = affirmo und endet mit vultus. Es werden zahlreiche Begriffe mit den entsprechenden deutschen Bedeutungen angegeben. Begriffe wie accidens werden mit häufig vorkommenden Attributen (inseparabile, praedicabile, separabile) geboten, ebenso geschieht dies bei actus, ars, causa usw. Diese Angaben sind sehr nützlich und in der Regel korrekt. Allerdings fehlen bei einigen Wörtern wichtige Bedeutungen, die die christlichen Autoren verwendet haben. So bedeutet virtus auch Wunder (Wundertaten, vor allem im Plural), bei humanus sollte die Bedeutung »gebildet« ergänzt werden, bei honor das »Ehrenamt«! die »Ehrenstellung«, bei fides »Kirche«. Bei wichtigen Konjunktionen werden nur einige Bedeutungen angeführt, andere fehlen; cum kann auch »wenn«, »obwohl« und »während« (adversativ) bedeuten, ut auch »sobald«, donec auch »solange als« und »während«.
Offensichtliche Fehler treten nur vereinzelt auf. Poeta ist nicht feminin, sondern maskulin. Hier hätte ein Fettdruck hilfreich sein können, etwa: poeta, -ae m, collega, -ae m oder auch manus, -us f. Unvollständig ist auch die Genusangabe bei dies m, (f): der Tag. Dies als feminines Wort bedeutet der Termin, eine Information, die aus den Angaben nicht hervorgeht. Im Falle von socius bieten die Herausgeber auch noch socia und socium mit der Bedeutung: Gefährte. Dies führt zu Irritationen. Es wird der Anschein erweckt, bei dem Lexem handele es sich um ein Adjektiv.
Insgesamt fällt auf, dass das Wörterbuch wenig systematisch aufgebaut ist. Dazu möchte der Rezensent einige Beispiele liefern. Causa sui und sufficientia sui findet der Nutzer, nicht jedoch fiducia sui (Selbstvertrauen). Zu den Kardinaltugenden sapientia, constantia, fortitudo und prudentia hätte man die entsprechenden Adjektive erwartet, aber sapiens sucht man vergeblich. Dafür erscheint es als Beispiel eines einendigen Adjektivs mit dem Deklinationsschema auf S. 211 im Anhang.
Uneinheitlich ist auch die Verwendung der Kürzeln und Längen. Grundsätzlich sollten entweder die Verben der e-Konjugation oder die der konsonantischen Konjugation als solche erkennbar sein, zumal die Autoren nur die Infinitive liefern. Da die Anzahl der Verben der e-Konjugation erheblich geringer ist als die andere Gruppe, wäre es ratsam gewesen, Verben wie tacere mit einem Longum zu kennzeichnen. Der Nutzer findet indes Verben wie admonere, audere, manere, docere, latere, monere, nocere und ridere, die ein Longum tragen, ansonsten vermisst man bei den anderen Verben der e-Konjugation das Longum (carere, apparere, tacere usw.). Uneinheitlich ist auch die Kennzeichnung des kurzen Vokals bei Adjektiven auf -eus. Die Herausgeber bieten igneus, nuclMs, aber bei corporeus, idoneus, simultaneus, spontaneus und subterraneus fehlt die Kennzeichnung. Sola fide trägt ein Longum, nicht jedoch sua sponte. In der Regel findet man die Genusangabe bei Nomina, bei den Lexemen auf -ex wird eine unterschiedliche Praxis angewandt; iudex, -icis m, aber vindex, -dicis.
Bei einigen Begriffen präsentieren M. und V. als Hilfe für die richtige betonte Silbe einen Ictus, etwa bei legitimus, omnipotens, nicht aber bei adiaphoron, similis, subditus, tessera etc.
Hinweise auf die griechische Herkunft erhält man in einigen Fällen, in anderen eben nicht, auch wenn die Wörter eindeutig ihre etymologische Herkunft verraten (etwa bei episcopus, oeconomia, scopus usw.). Manchmal werden dem Nutzer Gegenbegriffe geboten, manchmal nicht; ein System ist darin nicht zu erkennen.
Querverweise gibt es zwar, auch hier gehen die Autoren nicht systematisch vor. Im Falle von qua-drivium könnte man einen Hinweis auf trivium und umgekehrt vornehmen.
Der Anhang (199÷230) enthält Tabellen, »die beispielhaft zeigen, wie Wörter gebeugt (flektiert) werden. Die Flexion der Nomina heißt Deklination, die der Verba Konjugation« (199). Die letzteren Hinweise lassen vermuten, dass M. und V. mit Lesern rechnen, die sprachlich ungebildet sind. Die Frage ist, ob diese wirklich philosophische und theologische Texte in lateinischer Sprache rezipieren. Zunächst findet der Leser ein Beispiel zur Wortbildung (amare, amabilis, amabiliter, amator, amicus, inimicus inimicitia usw.). Wünschenswert wären weitere Beispiele gewesen, da sie für die Lektüre lateinischer Texte insgesamt nützlich sind. Danach folgen Tabellen der Deklinationen der Substantive. Zur Wiederholung sind diese sicherlich hilfreich, fragwürdig allerdings ist die Darbietung eines Substantivs der u-Deklination, das Neutrum ist (cornu, 206). Erheblich häufiger sind nämlich feminine Wörter wie domus, manus, tribus, porticus und Idus. Bei den Adjektiven wird zwar die Komparation geboten, nicht jedoch der Superlativ/Elativ. Am Ende des Anhangs sind weitere Tabellen mit den verschiedenen Pronomina, den Zahlwörtern und der Konjugation des Verbs abgedruckt (Präsens und Perfekt sowie die Stammformen der unterschiedlichen Konjugationen mit jeweils einem Beispiel, außerdem die unregelmäßigen Konjugationen der Verben wie esse, posse, ferre, velle, nolle, malle, fieri und ire).
Insgesamt ist das Opus mit Sicherheit für zahlreiche Leser ein nützliches Instrument, fragwürdig allerdings scheint mir die Konzeption sowohl des Wortregisters als auch des Anhangs zu sein. Entweder werden entsprechende Kenntnisse beim Nutzer vorausgesetzt oder nicht. Im letzten Falle müssten die Autoren erheblich mehr Hilfen im Anhang bieten.
Sinnvoll wäre es gewesen, wenn die Herausgeber einen Philologen zu Rate gezogen hätten, dann wäre eine Dreifachperspektive aus Philologie, Philosophie und Theologie möglich gewesen.
Dietmar Schmitz







